Triage

Ausgabe: 4/2020

66. Jahrgang

Jahrgang: 2020

Inhalt: Ausgabe

Militärmedizinische Triage: Eine kurze Vorgeschichte der Behandlungspriorisierung bei akuten Entscheidungen in der Militärmedizin von den Anfängen bis zum Beginn des nuklearen Zeitalters

Eckart, Wolfgang Uwe

Die "Sichtung" von Verwundeten auf dem Schlachtfeld folgte im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte vom 18. bis ins 20. Jahrhundert sehr unterschiedlichen Prinzipien, wobei die Frage der Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit des Soldaten zunehmend gegenüber Motiven der Philanthropie in den Vordergrund rückte. Der vorliegende Beitrag versucht, in sehr kompakter Weise auf die Geschichte der militärmedizinischen Verwundeten-Sichtung (Triage) einzugehen und sie bis in die Epoche der nuklearen Kriegsführung zu verfolgen.

Ratlosigkeit und Ressourcenmangel in Zeiten der Pest. Die Triage in historischer Perspektive

Leven, Karl-Heinz

Die Triage zu vermeiden ist in der Corona-Epidemie 2020 in Deutschland oberste Priorität der Gesundheitspolitik. Historisch zeigt sich, dass die Bewältigung von Seuchen mit dem Begriffspaar "Ratlosigkeit und Ressourcenmangel" zu fassen ist. Seit der Frühen Neuzeit wuchs die Handlungszuversicht; der Ressourcenmangel, bezogen auf spezifische Abwehrmittel, wurde in der naturwissenschaftlichen Ära wirksam. Die Kopenhagener Polio-Epidemie 1952 zeigt, wie eine unausweichlich bevorstehende Triage-Lage durch eine medizinische Innovation abgewendet wurde.

Von Unfällen und Katastrophen: Zur Geschichte der Triage in der Notfallmedizin

Witte, Wilfried • Bruns, Florian

Triage steht in der Medizin für das Sichten und Sortieren von Patienten hinsichtlich ihrer Behandlungsdringlichkeit bei knappen Ressourcen. Relevanz besitzt die Triage neben der Militärmedizin vor allem in der Notfall- und Katastrophenmedizin. Das Triage-Konzept hat nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise Eingang in die zivile Medizin gefunden, war dort jedoch nie unumstritten. Die historische Analyse bestätigt definitorische Unschärfen sowie eine uneindeutige Verwendung des Triage-Begriffs. Auch die praktische Anwendung der Triage stellt sich uneinheitlich dar.

Entscheidungen unter akutem Ressourcenmangel: Europäische Triage-Empfehlungen in der COVID-19-Pandemie

Ehni, Hans-Jörg • Wiesing, Urban • Ranisch, Robert

Im März 2020 überlastete die rapide Zunahme an schweren COVID-19-Fällen die Gesundheitssysteme in mehreren europäischen Ländern. Beatmungspflichtige Patienten konnten nicht ausreichend versorgt werden. In diesem Aufsatz vergleichen wir die Triage-Empfehlungen aus fünf europäischen Ländern mit zwei Schwerpunkten: erstens der Auswahl vor der Behandlung, zweitens dem Behandlungsabbruch. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass das vorgegebene Ziel, mit den vorhandenen Ressourcen die meisten Menschenleben zu retten, nicht konsequent umgesetzt wird.

Beendigung medizinischer Behandlung bei akuter Ressourcenknappheit (sog. Triage-Situationen): Handlungstheoretische Analyse und ethische Problematisierung

Funer, Florian

Im Zuge der Reflexion über die Zuteilung intensivmedizinischer Therapieressourcen im Kontext von COVID-19 wurde u. a. die Frage kontrovers diskutiert, ob die laufende Behandlung einer Person zugunsten eines prognostisch günstigeren Dritten abgebrochen werden dürfe, sofern die bestehenden Ressourcen eine Behandlung beider nicht zuließen (sog. Verlaufs- oder ex-post-Triage). Der vorliegende Beitrag versucht, mittels einer differenzierten Analyse der hierbei möglichen Handlungstypen und einer Problematisierung der medizinischen Indikatoren ärztlicher Urteilsbildung Vorschläge ethisch verantwortbarer Therapiebeendigungen unter Bedingungen akuter Ressourcenknappheit zu unterbreiten.

Die Triage in der rechtswissenschaftlichen Diskussion

Kubiciel, Michael

Der Begriff "Triage" bezeichnet ein gesetzlich nicht geregeltes Verfahren zur Priorisierung medizinischer Hilfeleistung in Notlagen, in denen das Aufkommen an Patienten die intensivmedizinischen Ressourcen übersteigt. Ob und nach welchen Kriterien eine Triage durchgeführt werden darf, ist in der Rechtswissenschaft ebenso umstritten wie die Frage, ob der Gesetzgeber die Triage rechtlich regeln sollte.

'Alltagstriage': Ein ethisches Dilemma medizinischen Handelns in wirtschaftlich armen Ländern - ein Effekt globaler Ungerechtigkeit

Schneider, Gisela • Dinkel, Carina

Der folgende Artikel beschreibt, wie Alltagsentscheidungen in der medizinischen Versorgung in Afrika aufgrund stark limitierter Ressourcen getroffen werden müssen, und versucht, Ursachen und Wirkungen im soziokulturellen Kontext zu beleuchten. Am Beispiel der Versorgung mit HIV/AIDS-Medikamenten wird aufgezeigt, wie der politisch gewollte Zugang zu Gesundheitsversorgung für alle Menschen solche Mangelsituationen überwinden kann und zu einem gerechteren Zugang zu Gesundheit führt.

Organprotektive Intensivmaßnahmen als Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

Meyer-Magister, Hendrik

Organprotektive Intensivmaßnahmen bleiben auch nach den jüngsten Novellen des Transplantationsgesetzes ungeregelt. Insbesondere vor Feststellung des Hirntods stellen sie ein gravierendes ethisches Problem mit der Selbstbestimmung des Patienten dar. Hier bedarf es einer intensiven Aufklärungsarbeit zur Organspende und -protektion im Rahmen von Advance Care Planning-Angeboten für alle Bürger. Zudem erscheint die weitere Fortbildung von Ärzten zu Fragen der Organspende wichtig, um ein größeres Bewusstsein und klarere Kompetenzen im Umgang mit organprotektiven Maßnahmen zu erzeugen. Der Gesetzgeber ist aufgerufen, Organprotektion wie Advance Care Planning für alle Bürger gesetzlich klar zu regeln.

Der Krankheit eine Bedeutung geben: Der medizinische Diskurs im Christentum

Ostheimer, Jochen

Gesundheit und Krankheit haben immer auch eine kulturelle Bedeutung. Der Aufsatz zeichnet auf der Basis von C. Geertz' semiotischer Kulturtheorie nach, wie das Christentum daran mitwirkt, diesen Phänomenen Bedeutung zu geben. Nach einem historischen Überblick werden die verschiedenen Ansätze systematisch nach drei Hinsichten zusammengefasst. Dazu wird gezeigt, welche Angebote das Christentum in seiner Geschichte gemacht hat und gegenwärtig macht, um drei Arten von Grenzen, die durch schwere Krankheiten erschüttert werden können, zu festigen: die Grenzen des Weltverstehens, der Leidensfähigkeit und der moralischen Sicherheit.

Ingo Proft/Holger Zaborowski (Hg.), Gesundheit - das höchste Gut? Anfragen aus Theologie, Philosophie und Pflegewissenschaft, Freiburg i. Br. u. a. (Herder) 2019, 284 Seiten.

Schmidt, Benedikt

Andreas Frewer (Hg.), Fallstudien zur Ethik in der Medizin. Beratungsbeispiele aus Ethikkomitees (Fallstudien zur Ethik in der Medizin 1), Würzburg (Königshausen & Neumann) 2019, 398 Seiten.

Bleyer, Bernhard

Heidi Albisser Schleger (Hg.), METAP II - Alltagsethik für die ambulante und stationäre Langzeitpflege (Bd. 1: Das Entstehen von ethischen Problemen, Bd. 2: Das Ethikprogramm für Berufspersonen), Basel (Schwabe-Verlag) 2019, 140 u. 200 Seiten.

Brandenburg, Hermann

Lutz Bergemann/Andreas Frewer (Hg.), Autonomie und Vulnerabilität in der Medizin. Menschenrechte - Ethik - Empowerment, Bielefeld (transcript Verlag) 2018, 284 Seiten.

Hack, Tobias

Lukas Brand, Künstliche Tugend. Roboter als moralische Akteure, Regensburg (Pustet Verlag) 2018, 152 Seiten.

Hölzchen, Christian